Meine Vergangenheit

In der Oberstufe, während des Abiturs und noch einige Zeit danach, war ich im Piraten-Milieu. Ich komme zwar nicht von der Küstenregion Deutschlands, aber hier im süd-westlichsten Zipfel der Republik gibt es - weit ab vom Meere- eine kleine Kolonie. Die Piraten vom "Deutelmoser" leben hier. Ein bunt gemischtes Völklein. Meist Gymnasiasten, Studierende, Soldaten der deutsch-französischen Brigade, und einige "Sonstige".
Ich glaube, es war mit die schönste Spät-Jugend-Zeit, die ich dort verbracht habe. Von 31 Tagen, die ein Monat haben kann, sass ich mit meinen Freunden an mindestens 29 Tagen in dieser Freibeuter-Spelunke. Vor mir: wahlweise ein KiBa (Kirsch-Bananesaft), Beck´s, oder ein Jever. Garniert von selbstgemachtem Honigrum. Den gab es als Willkommenstrunk, als Runde bei verlorenen Spielen (Tischkicker, Karten, "Sargspiel"), oder einfach, weil er geschmeckt hat (und noch immer schmeckt).
Es war wie eine grosse Familie. Der Käptn´ ein ewig junger Typ namens Thommy, führte das Schiff mehr oder weniger nüchtern durch die Jahre auf See. Er musste kämpfen gegen Störenfriede (Nachbarn), die das Lokal am liebsten geschlossen sähen oder gegen den WKD (Wirtschaftskontrolldienst), oder oft auch gegen Rechtsradikale, die immer wieder das Schiff entern wollten, um Unruhe in die Mannschaft zu bringen.
Weit gefehlt. Das Schiff fährt seit bestimmt bald 20 Jahren. Käptn´ lässt mittlerweile den Steuermann vieles erledigen. Man sieht in wohl nur noch selten an seinem Arbeitsplatz hinter der Theke.
Wenn ich schon Freunde mit in diese Spelunke genommen habe, haben doch einige etwas erschüttert gewirkt. Es ist so, dass man nie bei Tageslicht da rein sollte. Es ist, naja, etwas schmuddelig. Zumindest am Boden und die Sitze. Die Tische sind aus roh gezimmertem Holz. An den Wänden hängen Spinnweben. Teebeutel kleben an der Decke. Aber bei Tageslicht geht man da auch nicht rein. Erst ab 21 Uhr wird es interessant. Dann ist es manchmal so voll, dass man sich kaum bewegen kann. An guten Tagen, an weniger guten, kann man auch gerne alleine drin sitzen, und ein Schwätzlein mit dem Barmann halten. Leider komme ich nur noch sehr sehr selten hin. Weil keiner mit mir geht. Es ist eben keine Kneipe, in der es drum geht, gesehen zu werden, es ist egal, was frau anhat. Man könnte in Lumpen kommen- das interessiert niemanden. Apropos Lumpen:
Am ersten Montag im Monat findet der "Pirates only" Abend statt. Hier kommt nur rein, der Piratenklamotten trägt. Ist der Käptn grosszügig reicht ein Kopftuch, oder eine Augenklappe. Wenn nicht, dann muss ein Piratenhemd, Jackett, und eine ordentliche Hose her. bezahlt wird dann in Goldtalern, die in eine Schatztruhe hinter der Theke landen (da waren mal 3 Mädels, die diese mit allerlei Tricks klauen wollten).
An diesem Abend fliesst der Rum reichlich. Schiesspulver wird aus echten Pistolen verschossen, es laufen Hans Albers und die Poques in der Musikanlage.
Wer also von euch einmal nach Müllheim kommt, der sollte in die Hauptstrasse Nummer 99 einkehren (wenn die Laterne draussen brennt, ist offen), sich ein Bier bestellen, sich anquatschen lassen, und den abend geniessen.
Ahoi!
deutelmoser müllheim
die Idee darüber zu schreiben kam von ChliiTierChnübler, die einen Beitrag zu ihren Piratenstiefeln gepostet hat.
LadyEilan - 20. Sep, 19:42

Was es so alles gibt...
In meine Stammkneipe kann man auch im Schlafanzug gehen, ohn aufzufallen, ich liebe solche Kneipen. Da fühl ich mich besonders heimisch, aber im Dada auch tagsüber ;)

chaetzle - 21. Sep, 18:10

heimisch ist gut. Ich glaube, das Deutel war schon ein Stück Heimat. Ich habe damals sogar mal meine Mutter mitgenommen. Ihr hats sogar gefallen. Alle waren so nett zu ihr... ,-)
ReneB (anonym) - 21. Sep, 13:19

Kneipen

cool... in meiner Stammkneipe sieht es ähnlich aus, nur das da das Künstlervolk des Theaters verkehrt. Aba die Hygienezustände sind ähnlich.
Am nächsten Morgen, nach 3 Bier am Abend, brubbelt es dann doch ganz schön in meinem Bauch. :)

chaetzle - 21. Sep, 18:09

als ich es noch nicht besser wusste, habe ich getränke in Gläsern bestellt. Als ich mir ein Glas mal genauer angesehen habe, bin ich auf Getränke aus Flaschen umgestiegen.
Heute siehts dort, was die Glashygiene angeht auch besser aus. Ich glaube, sie haben mittlerweile einen Geschirrspülautomat. Früher war das noch Handarbeit..
Raducanu - 21. Sep, 19:54

Eine Spelunke, die sich ihren Namen beim großen Gerhard Polt (hier und hier und hier Wirtshaussketche von ihm) geliehen hat, kann ja gar nicht verkehrt sein! Ich hoffe, Sie, meine werteste Frau Chaetzle, entführen mich bei Gelegenheit mal wieder dorthin!?

Und hier noch ein Polt-Klasssiker, weil es bald wieder soweit ist. :D

chaetzle - 21. Sep, 20:06

Ich danke für die Sketche. Ich dachte schon, dass du mich wieder hin begleitest, Herr Raducanu.
Du warst ja nicht abgeneigt gegen das Etablissement. Ich meine, es hatte dir damals sogar gefallen?! Man denke an den weisshauptigen Franz an unserem Tisch unter dem einarmigen Schurken, und dem Sargspiel mit dem netten Barkeeper Bodo... ;-) Auf ein weiteres Mal!

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